
bezüglich Ihres Interviews an der Schweizer Zeitung Der Bund (http://www.derbund.ch/ausland/europa/Es-ist-nicht-nachhaltig-wenn--mit-Betrgen-fortgefahren-wird/story/25059592) drückt die Repräsentantenkammer der nationalen Minderheiten Estlands ihre Besorgnis wegen der respektlosen Äußerungen aus, die an die estnischen Bürger adressiert wurden, deren Muttersprache und ethnischer Ursprung sich von Ihrem unterscheidet.
Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass während der sowjetischen Zeit in Estland etwa 80 % der Personen an der Führungsebene ethnischen Esten waren. Hinzufügend sollte man auch betonen, dass die Privilegien einer Weberin aus Narva sich keineswegs von den Privilegien eines Bauers aus Mulgimaa unterschieden. Das heißt, dass die estnische Sprache nach Ihren Kriterien als eine „Okkupantensprache“ und das estnische Volk als ein „Okkupantenvolk“ bezeichnet werden können. Was 1940 mit Estland passierte, hat nichts damit zu tun, was das internationale Recht unter dem Begriff „Okkupation“ versteht. Obwohl die Verwechslung der Begriffe „Okkupation“ und „gezwungene Inkorporation“ auf dem informellen Niveau verstanden werden kann, ist eine inkorrekte Verwendung der juristischen Termini von dem Staatschef unzulässig.
Sie sind in den USA aufgewachsen, wo die Sprache der Okkupanten heutzutage tatsächlich die offizielle Sprache ist. Das Territorium der USA heute – und es wird von niemandem verneint – wurde von englischen Kolonisten erobert, die gnadenlos die einheimische Bevölkerung vernichtet haben. Die Frage besteht darin, ob man die englische Sprache für alle diese Gräueltaten beschuldigen kann? Ansatzweise könnte man das Beispiel von Finnland in Betracht ziehen: in diesem Land, das sich lange Zeit unter schwedischer Herrschaft befand und wo der Anteil der schwedischen Bevölkerung nicht mal 6% beträgt, gilt Schwedisch als die zweite Amtssprache.
Jegliche Bemühungen, die ungleiche Behandlung der nationalen Minderheiten in Estland mit dem Bezug auf die Vergangenheit der Okkupation zu rechtfertigen, sind fehl am Platz und werden in zivilisierten Ländern als Rassismus und Xenophobie bewertet.
Herr Präsident, Sie sind der Staatschef und der Garant der Beachtung der estnischen Verfassung, die jegliche Diskriminierung der Menschen anhand ihrer Religion, Sprache, Rasse, Nationalität usw. verbietet.
Wir verstehen, dass Sie in Estland nicht gelebt haben, als viele Repräsentanten der russischen Minderheit sich gemeinsam mit den Esten für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Estlands einsetzten. Ihr Vorgänger, Präsident Arnold Rüütel, hat die Rolle der nationalen Minderheiten in diesem Prozess hoch geschätzt. Sie streben allerdings danach, den Beitrag der nationalen Minderheiten zur Unabhängigkeitswiederherstellung zu ignorieren. Daher ist es kein Zufall, dass Russisch, die Muttersprache der russischen Minderheit und ein wichtiges Kommunikationsmittel vieler anderen Minderheiten Estlands, von Ihnen als eine „Okkupantensprache“ bezeichnet wurde.
Die Kammer, die die Interessen der nationalen Minderheiten Estlands repräsentiert, ist der Anfassung, dass die Handlungen einer Regierung nichts mit der jeweiligen Sprache zu tun haben. Die in Estland lebenden nationalen Minderheiten haften nicht für die Handlungen während der sogenanten „Okkupationsjahre“.
Die Sprache stellt einen Teil der nationalen Identität dar, weil sie die Identität und die Geisteswelt eines Volkes widerspiegelt. Indem Sie eine Sprache beleidigten, haben Sie auch zugleich alle Träger dieser Sprache verletzt. Die russische Sprache trägt genau so wenig Schuld an den Verbrechen, die von den Anführern der Bolschewiks verübt wurden, wie die deutsche Sprache an den Gräueltaten des Naziregimes. Jede Sprache ist im Grunde dazu fähig, die Ideen des Humanismus zu dem Ausdruck zu bringen, oder Feindseligkeit zwischen verschiedenen Völkern zu stiften. Eine und dieselbe Sprache wurde von Schiller und von Hitler gesprochen. Alles hängt von der politischen Kultur und der Moral derjenigen ab, die sich an der Spize der Landespolitik befinden.
Wir sind der Aufassung, dass Sie, Herr Ilves, als der Präsiden Estlands dem Volk der Republik Ihre Position erklären und den Bevölkerungsteil, den Sie selbst beleidigend als „das Volk der Herren“ und dessen Sprache Sie als „die Sprache der Okkupationsregierung“ bezeichneten, um eine Entschuldigung bitten sollten. Von Ihren Handlungen hängt Ihr Ansehen des Staatschefs unseres Landes ab.
Vorstand der Repräsentantenkammer
der nationalen Minderheiten Estlands
13.12.2011